Interreligiöser Dialog - Ein Begriff, viele Auffassungen

Auf dieser Seite haben die Mitglieder im IFN die Möglichkeit, ihre (Selbst-) Verständnisse, was der interreligiöse Dialog für sie ist und bedeutet, zu veröffentlichen. Diese Vielfalt an Begriffsverständnissen - die Gemeinsamkeiten wie Unterschiede deutlich macht - lädt ein, dem anderen genau zu zuhören um einander besser zu verstehen.  Verschiedenheit wird nicht nur respektiert, sondern geschätzt.


Dr. Michael A. Schmiedel

 

Ganz allgemein gesprochen ist der interreligiöse Dialog ein Gespräch zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens oder unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Das ,Dia' bedeutet nicht, wie manchmal angenommen ,zwei', sodass der Dialog ein Gespräch zwischen zwei, ein Trialog zwischen drei, usw. Dialogpartnern wäre, sondern sinngemäß ,durchscheinend', so wie ein Dia ein lichtdurchlässiges Bild ist. Ein Dialog ist somit ein Gespräch, das durchscheinen lässt, was man in seinem Innersten glaubt, wovon man wirklich überzeugt ist. Es ist ein transparentes Gespräch, das im günstigsten Fall keine Geheimnisse hattet. Man spricht offen miteinander über alles, was einem religiös wichtig ist. Dieser Glaube kann ein individueller Glaube sein oder der Glaube einer Gemeinschaft, ein selbst entwickelter oder ein von Vorfahren überlieferter oder von Zeitgenossen übernommener Glaube.

Wichtig ist dabei, dass man sich so verständlich macht, dass der Dialogpartner verstehen kann und dass man sich bemüht, den Dialogpartner in seinem Selbstverständnis zu verstehen, sich in ihn hinein zu fühlen und zu denken. Man kann auch gemäß des eigenen Torverständnisses versuchen, ihn wissenschaftlich zu analysieren, aber die Analyse sollte nicht gegen das Selbstverständnis des Dialogpartners das letzte Wort haben. Die Dialogpartner müssen nicht letztlich übereinstimmen, aber über Unterschiede darf auch nicht einseitig entschieden werden, sondern besser ist es, sie dann einfach stehen zu lassen und zu respektieren, dass der Andere eben was anderes oder auch andere Weise glaubt als man selbst.

Das wichtigste Ziel des interreligiösen Dialogs im Rahmen des Interreligiösen Friedensnetzwerkes Bonn und Region (IFN) ist die Förderung des friedlichen Miteinanderlebens der Menschen unterschiedlichen religiösen Glaubens und auch profaner Weltanschauungen in der Bonner Region und am besten auch weltweit. Man schützt nur was man liegt, und man liebt nur was man kennt, lautet ein Naturschutzmotto, das man auch auf das Miteinander einander zunächst fremder Menschen und ihrer Religionen übertragen kann. Den Anderen verstehen zu lernen und ihn in seiner Eigenart lieben zu lernen ist die hohe Praxis des interreligiösen Dialogs. Gemeinsamkeiten zu finden, die es bei allen Unterschieden auch gibt, diese Gemeinsamkeiten zu pflegen, sie letztlich als wichtiger als die Unterschiede zu bewerten, so dass die Unterschiede letztlich als einander ergänzend und nicht so sehr als einander widersprechend wahrgenommen werden, fördert Gemeinschaft über die Verschiedenheiten hinaus. Wir haben schon deshalb viel gemeinsam, weil wir alle Menschen sind. So wollen wir alle Leid vermeiden und Glück erlangen. Und wir wollen dazu alle in einer friedlichen und gerechten, liebevollen und mitfühlenden Gesellschaft leben. Das kann ein gemeinsames Ziel sein, das über das reine interreligiöse Gespräch hinausgeht. Hier mündet der interreligiöse Dialog in interreligiöse Friedensarbeit.

Religionen für den Frieden heißt auf Deutsch übersetzt auch eine Organisation, die ich vertrete. Den Wunsch nach Frieden und die Kraft für den Frieden aus dem eigenen Glauben, der eigenen Religion zu schöpfen, die feindseligen, kriegerischen, gewaltaffinen Bestandteile, die Religionen auch haben, zu überwinden, ist ein Hauptziel von Religions for Peace. Gemeinsam einen Rahmen dafür zu schaffen, dass Vertreter verschiedener Religionen Gebete oder meditative Texte aus ihren Religionen einander und einem Publikum vortragen können, ist die Methode der GEBETe der Religionen, und miteinander zu schweigen, still zu werden, Ruhe einkehren zu lassen, und zwar mitten ins der innenstädtischen Betriebsamkeit und die Passanten einzuladen, mit zu schweigen, ist die Methode der Interreligiösen Initiative Schweigen für Frieden und Gerechtigkeit, während das Bonner Institut für Migrationsforschung und interkulturelles Lernen e.V. vielfältige Aktionen durchführt, Menschen unterschiedlicher Herkunft und auch unterschiedlichen Glaubens ins Gespräch und in Aktion zu bringen.

Für mich persönlich ist es keineswegs wichtig, im interreligiösen Dialog eine Religionsgemeinschaft zu vertreten, sondern man kann auch nur für sich selbst teilnehmen. Wir im interreligiösen Dialog hauptsächlich wie ein Diplomat oder Außenminister einer religiösen Institution oder Organisation auftritt und in erster Linie die Interessen seiner Organisation oder Institution vertritt, damit diese an Ansehen und Einfluss zunimmt, versteht unter dem interreligiösen Dialog etwas anderes als ich. Desgleichen wer den Dialog dazu verwendet, Andersgläubige von der Wahrheit seiner Religion überzeugen und sie als neues Mitglied gewinnen zu wollen. Ebenso ist es nicht mein Ansatz, unverändert aus dem Dialog wieder herauskommen zu wollen und meinen Glauben als felsenfest und unverrückbar zu bewahren. Ich will mich verändern, ich will mich weiter entwickeln, ich will an Weisheit und Erkenntnis zunehmen. Und dazu brauche ich die Anderen, ja die Andersgläubigen. Die Unterschiede zwischen den Religionen und Weltanschauungen empfinde ich bis zu einem gewissen Grad als inspirierend für mein eigenes religiöses, philosophisches und wissenschaftliches Nachdenken. Wenn die Anderen nur das glaubte, was ich glaube, könnte ich nicht von ihnen lernen, sondern würde mich nur immer wieder bestätigt finden. Widerspruch durch Verschiedenheit fördert den Drang, die religiösen und weltanschaulichen Lehren tiefer durchdringen zu wollen und zu überprüfen, wie tief die Widersprüche reichen oder es es nicht doch einen gemeinsamen Grund gibt, aus dem heraus sie alle wachsen oder einen gemeinsamen Gipfel, dem sie alle zustreben. So nachdenkend und forschend habe ich die pluralistische Religionstheologie und den Konstruktivismus als konstruktive Modelle entdeckt, um zu erklären, wie die Religionen letztlich auf eine gemeinsame Wahrheit hinauslaufen und wie wir Menschen überhaupt Wirklichkeit wahrnehmen. Im interreligiösen und interweltanschaulichen Dialog treffe ich aber auch auf Menschen, die diesen Modellen nicht zustimmen. Und hier gilt dasselbe, wie für die religiösen Überzeugungen: Ich darf meine Modelle anderen nicht aufzwingen, sondern muss es such aushalten und stehenlassen können, dass Andere anders denken als ich.

(Stand: 5.5.2016)